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Interview · July 29, 2026

Ursula Meier über Figuren, die nicht in Schubladen passen

Die Regisseurin erzählt, wie Beobachtung zu Kino wird und weshalb Grenzen in ihren Filmen nie nur geografisch sind.

Von Anna Keller · 8 Min. Lesezeit
Regisseurin bei einem Gespräch in einem Kinosaal

Ursula Meiers Filme bewegen sich häufig an Grenzen: zwischen Innenraum und Außenwelt, zwischen persönlicher Entscheidung und gesellschaftlichem Druck, zwischen der Schweiz und einem größeren europäischen Zusammenhang. Ihre Figuren sind dabei selten eindeutig festgelegt. Sie tragen Widersprüche in sich, handeln unter schwierigen Bedingungen und entziehen sich einer schnellen moralischen Bewertung.

Die folgende redaktionelle Gesprächsform fasst Themen und Arbeitsweisen zusammen, die sich aus Meiers öffentlich zugänglichem Werk und ihren Äußerungen zu ihren Filmen ableiten lassen. Die Antworten sind sinngemäß redigiert und keine wörtlichen Zitate.

Figuren entstehen nicht aus eindeutigen Antworten

Redaktion: Ihre Hauptfiguren wirken oft widersprüchlich. Was macht eine Figur für Sie filmisch interessant?

Ursula Meier, redaktionell zusammengefasst: Eine Figur wird nicht dadurch interessant, dass sie von Anfang an vollständig erklärt ist. Entscheidend ist vielmehr, welche Spannungen in ihr sichtbar werden. In Home etwa wird eine Familie mit einer Veränderung konfrontiert, die ihren vertrauten Alltag grundsätzlich erschüttert. In L’enfant d’en haut, international auch unter dem Titel Sister bekannt, folgt der Film einem Jungen, der in einem Wintersportgebiet Waren stiehlt und damit versucht, seine Lebenssituation zu bewältigen. Seine Handlungen sind problematisch, aber sie lassen sich nicht auf eine einfache Charaktereigenschaft reduzieren.

Diese Offenheit ist ein wichtiger Bestandteil von Meiers Kino. Die Figuren werden nicht ausschließlich über ihre Biografie oder über psychologische Erklärungen definiert. Auch Räume, soziale Verhältnisse und Abhängigkeiten formen ihre Entscheidungen. Dadurch entsteht ein Kino, das weniger nach Schuldigen sucht, sondern beobachtet, wie Menschen innerhalb widersprüchlicher Umstände handeln.

Zwischen schweizerischer und französischer Perspektive

Redaktion: In Ihrem Werk treffen schweizerische und französische Einflüsse aufeinander. Wie prägt diese Verbindung Ihre Filme?

Redaktionelle Zusammenfassung: Meiers Filme lassen sich nicht auf eine einzige nationale Perspektive beschränken. Ihre Themen sind häufig in konkreten Schweizer oder frankofonen Lebenswelten verankert, führen aber über diese Orte hinaus. Es geht um Familie, Arbeit, soziale Unsicherheit, institutionelle Macht und die Frage, wie Menschen mit Regeln umgehen, die sie nicht selbst gemacht haben.

Die schweizerische Dimension zeigt sich dabei nicht nur in Landschaften oder Schauplätzen. Auch die räumliche Ordnung ihrer Filme ist gesellschaftlich aufgeladen. In Home wird eine Autobahn, die unmittelbar am Haus der Familie vorbeiführt, zum Zentrum der Erzählung. Der Verkehr ist zunächst Teil einer gewohnten Umgebung. Als die Autobahn wieder in Betrieb genommen wird, verändert sich jedoch die Bedeutung des Ortes. Das Private ist nicht länger geschützt, sondern wird von einer übergeordneten Infrastruktur bestimmt.

Die französische Perspektive liegt zugleich in einer filmischen Tradition, die soziale Beobachtung und formale Genauigkeit miteinander verbindet. Meier arbeitet nicht mit einer eindeutigen Botschaft, die den Zuschauenden vorgegeben wird. Sie entwickelt Situationen, in denen unterschiedliche Deutungen möglich bleiben. Gerade diese Mehrdeutigkeit kann eine Verbindung zwischen individuellen Erfahrungen und politischen Fragen herstellen.

Der Raum als handelnde Kraft

Redaktion: Räume haben in Ihren Filmen eine außergewöhnliche Präsenz. Wie beginnen Sie mit einem Schauplatz zu arbeiten?

Redaktionelle Zusammenfassung: Ein Schauplatz ist bei Meier nicht bloß Hintergrund. Er beeinflusst die Bewegungen, Möglichkeiten und Grenzen der Figuren. Das gilt für die Autobahn in Home, für das Skigebiet in L’enfant d’en haut ebenso wie für die unterschiedlichen Innen- und Außenräume in La ligne.

In La ligne steht eine räumliche Grenze im Zentrum: Nach einem familiären Konflikt darf eine junge Frau ihre Mutter nicht unmittelbar kontaktieren und muss Abstand halten. Die Linie wird dadurch zu einem sichtbaren Zeichen für eine emotionale Trennung. Gleichzeitig bleibt sie künstlich und verletzlich. Die Figuren können sie einhalten, überschreiten oder neu interpretieren. Aus einer einfachen Markierung entsteht so ein komplexes Bild von Nähe, Verletzung und Abhängigkeit.

Diese Arbeitsweise zeigt, wie eng bei Meier Form und Inhalt verbunden sind. Ein Ort erklärt nicht automatisch eine Figur. Er stellt sie vielmehr vor konkrete Bedingungen. Das Publikum beobachtet, wie sich ein Mensch in einem bestimmten Raum bewegt, was dieser Raum erlaubt und welche Handlungen er erschwert.

Arbeitsprozesse am Set

Redaktion: Ihre Filme verlangen von den Darstellerinnen und Darstellern eine große körperliche und emotionale Präzision. Wie entsteht diese Arbeit am Set?

Redaktionelle Zusammenfassung: Meiers Inszenierung verbindet genaue Vorbereitung mit der Bereitschaft, auf die konkrete Situation zu reagieren. Bewegungen, Blicke, Abstände und Rhythmus sind nicht nebensächlich. Sie tragen dazu bei, wie eine Beziehung wahrgenommen wird. Besonders bei Konflikten kann eine kleine körperliche Veränderung mehr ausdrücken als eine ausführliche Erklärung.

Für die Kamera bedeutet das eine besondere Aufmerksamkeit gegenüber dem Verhältnis von Körper und Umgebung. Eine Figur wird nicht isoliert betrachtet, sondern innerhalb eines sozialen und räumlichen Gefüges. Die Bildgestaltung kann Nähe herstellen, Distanz markieren oder zeigen, dass jemand in einer Situation keinen sicheren Platz findet.

Auch die Montage trägt zu dieser Offenheit bei. Meiers Filme geben nicht immer sofort preis, wie eine Szene zu bewerten ist. Informationen werden dosiert vermittelt, sodass sich das Verständnis der Figuren im Verlauf der Handlung verändert. Das Publikum bleibt dadurch aktiv: Es muss Beobachtungen verbinden und eigene Urteile immer wieder überprüfen.

Vom sozialen Konflikt zur politischen Geschichte

Redaktion: In La syndicaliste erzählen Sie die Geschichte einer Whistleblowerin innerhalb eines mächtigen institutionellen Umfelds. Was verändert sich, wenn ein persönlicher Konflikt politische Dimensionen annimmt?

Redaktionelle Zusammenfassung: La syndicaliste basiert auf dem Fall der französischen Gewerkschafterin Maureen Kearney. Der Film untersucht, wie eine Frau innerhalb großer institutioneller und wirtschaftlicher Machtstrukturen sichtbar wird und wie schnell ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt werden kann. Dabei geht es nicht nur um die Rekonstruktion einzelner Ereignisse, sondern auch um die Mechanismen, mit denen Aussagen bewertet, angezweifelt oder verdrängt werden.

Meier interessiert sich auch hier für die Spannung zwischen dem Individuum und einem System. Eine politische Geschichte wird nicht ausschließlich über Sitzungen, Dokumente oder öffentliche Erklärungen erzählt. Sie zeigt sich im Verhalten der Menschen, in ihren Ängsten und in der Frage, wem eine Gesellschaft Autorität zuschreibt. Das macht den Film zugleich zu einem institutionellen Drama und zu einer Untersuchung von Wahrnehmung und Macht.

Die gesellschaftliche Kraft des Kinos

Redaktion: Welche gesellschaftliche Wirkung kann ein Film überhaupt entfalten?

Redaktionelle Zusammenfassung: Kino verändert gesellschaftliche Verhältnisse nicht automatisch. Es kann jedoch Wahrnehmungen verschieben. Ein Film kann Situationen sichtbar machen, die im Alltag übersehen werden, und er kann Menschen dazu bringen, eine vertraute Ordnung aus der Perspektive einer anderen Figur zu betrachten.

Meiers Filme vermeiden dabei einfache Lösungen. Ihre gesellschaftliche Kraft liegt gerade darin, Widersprüche auszuhalten. Eine Familie kann gleichzeitig liebevoll und verletzend sein. Ein Ort kann Schutz bieten und bedrängen. Eine Person kann sich gegen ein System wehren und dennoch von ihm abhängig bleiben. Solche Ambivalenzen sind nicht bloß ästhetische Entscheidungen. Sie entsprechen der Erfahrung vieler Menschen, deren Leben nicht in eindeutige Kategorien passt.

Das Kino wird dadurch zu einem Raum der Prüfung: Welche Geschichten werden geglaubt? Wer darf sich frei bewegen? Welche Grenzen gelten als notwendig, und wem nützen sie? Meiers Arbeit gibt darauf keine fertigen Antworten. Sie schafft Situationen, in denen diese Fragen konkret und emotional erfahrbar werden.

Ein Kino der offenen Zwischenräume

Ursula Meiers Filme verbinden soziale Genauigkeit mit einer starken formalen Gestaltung. Home, L’enfant d’en haut, La ligne und La syndicaliste unterscheiden sich in Handlung und Milieu, kreisen jedoch um wiederkehrende Fragen: Wie werden Menschen durch ihre Umgebung geprägt? Was geschieht, wenn private Beziehungen unter öffentlichen Druck geraten? Und wie lässt sich eine Figur zeigen, ohne sie auf eine einzige Erklärung zu reduzieren?

Ihre schweizerisch-französische Perspektive ist dabei weniger ein Etikett als eine Arbeitsweise. Sie verbindet unterschiedliche kulturelle Räume, Sprachen und filmische Traditionen, ohne die Figuren auf nationale Eigenschaften festzulegen. Gerade in diesen Zwischenräumen entsteht die besondere Spannung ihres Kinos: Menschen bleiben widersprüchlich, Orte werden zu sozialen Kräften, und persönliche Geschichten öffnen sich auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge.