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Interview · July 8, 2026

Simonetta Sommaruga über Kultur, Öffentlichkeit und Zuversicht

Ein ruhiges Gespräch über gesellschaftlichen Zusammenhalt, den Wert kultureller Räume und Kommunikation in bewegten Zeiten.

Von Anna Keller · 8 Min. Lesezeit
Schweizer Politikerin in einem hellen Gesprächsraum

Redaktionelle Einordnung: Dieses Gespräch behandelt öffentlich dokumentierte Positionen und politische Schwerpunkte von Simonetta Sommaruga. Die Antworten sind sinngemäß zusammengefasst und keine wörtlichen Zitate. Es handelt sich nicht um eine aktuelle Wahlwerbung oder eine politische Empfehlung.

Simonetta Sommaruga gehörte von 2010 bis 2022 dem Schweizerischen Bundesrat an. Während ihrer Amtszeit leitete sie zunächst das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement und später das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Sie war 2015 und 2020 Bundespräsidentin. Im Mittelpunkt dieses Gesprächs stehen Kultur, demokratischer Dialog, die Rolle der Öffentlichkeit und die Frage, wie gesellschaftlicher Zusammenhalt erhalten werden kann.

Kultur als Teil des öffentlichen Lebens

Frau Sommaruga, welche Bedeutung hat Kultur für eine demokratische Gesellschaft?

Kultur schafft Räume, in denen unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen sichtbar werden. Sie ist deshalb nicht nur Unterhaltung, sondern auch eine Form gesellschaftlicher Verständigung. Bücher, Musik, Theater, Film und bildende Kunst können Fragen aufwerfen, die in politischen Debatten oft zu kurz kommen. Gerade in einer vielfältigen Gesellschaft trägt Kultur dazu bei, Unterschiede auszuhalten und gemeinsame Bezugspunkte zu finden.

Aus dieser Perspektive ist Kulturpolitik mehr als die Unterstützung einzelner Institutionen. Sie betrifft auch den Zugang zu kulturellen Angeboten, die Förderung des Nachwuchses und die Möglichkeit, dass Menschen selbst kulturell tätig werden. Entscheidend ist dabei, dass Kultur nicht auf eine einzige nationale oder politische Erzählung festgelegt wird.

Welche Verantwortung haben öffentliche Institutionen gegenüber Kunst und Kultur?

Öffentliche Institutionen sollen verlässliche Rahmenbedingungen schaffen, ohne den Inhalt künstlerischer Arbeit vorzugeben. Dazu gehören transparente Förderverfahren, faire Zugänge und Respekt vor der künstlerischen Freiheit. Gleichzeitig müssen staatliche Stellen erklären, nach welchen Kriterien sie handeln. Nachvollziehbarkeit stärkt das Vertrauen, besonders wenn öffentliche Mittel verteilt werden.

Die Schweiz verfügt über eine ausgeprägte kulturelle und sprachliche Vielfalt. Förderpolitik muss deshalb unterschiedliche Regionen, Sprachen und Ausdrucksformen berücksichtigen. Ein zentraler Ansatz kann nicht allen lokalen Bedingungen gerecht werden.

Demokratischer Dialog und politische Kontroversen

Der politische Ton ist in vielen Ländern schärfer geworden. Was braucht es für einen demokratischen Dialog?

Demokratischer Dialog setzt voraus, dass Menschen einander als politische Gegner, aber nicht als Feinde behandeln. Widerspruch und harte Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie. Problematisch wird es, wenn Personen entmenschlicht, pauschal beschuldigt oder aus dem öffentlichen Gespräch ausgeschlossen werden.

Ein respektvoller Dialog bedeutet nicht, jede Position als gleich richtig anzusehen. Er bedeutet, Behauptungen zu prüfen, Gegenargumente anzuhören und die Würde des Gegenübers zu achten. Institutionen, Medien und politische Akteure tragen dabei jeweils Verantwortung für ihre Sprache und für die Folgen ihrer Kommunikation.

Welche Rolle spielt der politische Kompromiss in der Schweiz?

Die schweizerische Demokratie ist stark von Verhandlungen, föderalen Zuständigkeiten und direktdemokratischen Verfahren geprägt. Kompromisse entstehen nicht immer schnell und sind häufig unvollkommen. Sie können jedoch dazu beitragen, dass unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen an Entscheidungen beteiligt bleiben.

Ein Kompromiss darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Er braucht eine erkennbare Grundlage und muss öffentlich begründet werden. Wenn politische Entscheidungen nur als Ergebnis taktischer Absprachen erscheinen, leidet das Vertrauen. Deshalb ist es wichtig, Zielkonflikte offen zu benennen und auch zu erklären, warum bestimmte Lösungen gewählt wurden.

Öffentlichkeit, Medien und Verantwortung

Wie hat sich die politische Öffentlichkeit verändert?

Politische Informationen verbreiten sich heute schneller und über deutlich mehr Kanäle als früher. Das erleichtert den Zugang zu Debatten, erhöht aber auch den Druck zur Vereinfachung. Ein kurzer Beitrag kann grosse Aufmerksamkeit erhalten, obwohl wichtige Zusammenhänge fehlen. Gleichzeitig können falsche oder irreführende Behauptungen sehr schnell weiterverbreitet werden.

Eine demokratische Öffentlichkeit braucht deshalb verlässlichen Journalismus, transparente Quellen und Zeit für Einordnung. Medien müssen nicht unkritisch berichten, sondern sorgfältig prüfen und unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen. Auch das Publikum trägt Verantwortung: Informationen sollten nicht nur nach ihrer emotionalen Wirkung beurteilt werden.

Was erwarten Sie von Politikerinnen und Politikern im Umgang mit Medien?

Politische Verantwortung bedeutet, Fragen ernst zu nehmen und Unsicherheiten nicht zu verbergen. Nicht jede Frage lässt sich sofort beantworten. Eine nachvollziehbare Erklärung, warum Informationen noch fehlen oder eine Entscheidung Zeit benötigt, ist glaubwürdiger als eine scheinbar sichere, aber unzureichend belegte Aussage.

Öffentlichkeit darf dabei nicht mit ständiger Sichtbarkeit verwechselt werden. Politische Arbeit findet auch in Gesprächen, Beratungen und in der Prüfung von Fakten statt. Entscheidend ist, dass am Ende transparent wird, auf welcher Grundlage eine Entscheidung getroffen wurde.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt

Woran zeigt sich gesellschaftlicher Zusammenhalt im Alltag?

Zusammenhalt zeigt sich nicht nur bei grossen nationalen Ereignissen. Er beginnt in Gemeinden, Schulen, Vereinen, Nachbarschaften und am Arbeitsplatz. Menschen erleben Zugehörigkeit, wenn sie mitreden können, ernst genommen werden und nicht das Gefühl haben, dauerhaft ausgeschlossen zu sein.

Die Schweiz ist von sprachlicher, religiöser, sozialer und regionaler Vielfalt geprägt. Diese Unterschiede verschwinden nicht durch politische Appelle. Sie müssen in Institutionen und im Alltag berücksichtigt werden. Dazu gehören faire Verfahren, Zugang zu Bildung und eine öffentliche Debatte, in der auch weniger einflussreiche Gruppen Gehör finden.

Welche Gefahren sehen Sie für den sozialen Zusammenhalt?

Eine Gefahr besteht darin, dass gesellschaftliche Probleme einzelnen Gruppen zugeschrieben werden. Solche Vereinfachungen können kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen, lösen die eigentlichen Ursachen aber nicht. Ebenso problematisch ist die Vorstellung, dass nur die eigene Erfahrung gültig sei.

Zusammenhalt braucht gemeinsame Regeln, aber auch die Bereitschaft, unterschiedliche Lebensrealitäten wahrzunehmen. Dazu gehören politische Entscheidungen, die soziale Auswirkungen berücksichtigen, und eine Sprache, die Konflikte nicht unnötig verschärft. Vertrauen entsteht vor allem dann, wenn Institutionen nachvollziehbar und verlässlich handeln.

Zuversicht ohne Beschönigung

Wie lässt sich Zuversicht bewahren, ohne schwierige Entwicklungen zu verharmlosen?

Zuversicht entsteht nicht dadurch, dass Probleme verschwiegen werden. Sie kann vielmehr daraus wachsen, dass Menschen ihre Handlungsmöglichkeiten erkennen. Demokratische Gesellschaften verfügen über Verfahren, mit denen Konflikte ausgetragen und Entscheidungen korrigiert werden können. Diese Verfahren sind manchmal langsam, bieten aber Schutz vor schnellen und unumkehrbaren Reaktionen.

Eine realistische Zuversicht verbindet Hoffnung mit Verantwortung. Sie nimmt Belastungen ernst, sucht nach Lösungen und akzeptiert, dass politische Fortschritte häufig schrittweise entstehen. Auch kulturelle Arbeit kann dazu beitragen, weil sie Erfahrungen vermittelt, Empathie fördert und neue Perspektiven eröffnet.

Welche Aufgabe kommt der jüngeren Generation zu?

Jüngere Menschen sollten nicht nur als Publikum politischer Entscheidungen betrachtet werden. Ihre Erfahrungen und Erwartungen gehören in die öffentliche Debatte. Gleichzeitig braucht politische Beteiligung Ausdauer: Engagement bedeutet auch, Informationen zu prüfen, Widerspruch auszuhalten und sich über längere Zeit mit einem Thema zu beschäftigen.

Die Verantwortung liegt jedoch nicht allein bei der Jugend. Ältere Generationen und Institutionen müssen Räume öffnen, in denen Beteiligung tatsächlich möglich ist. Wer junge Menschen zur Mitwirkung auffordert, sollte ihre Beiträge nicht nur symbolisch würdigen, sondern in Entscheidungsprozesse einbeziehen.

Journalistische Einordnung

Sommarugas politische Laufbahn war von verschiedenen Aufgaben geprägt: von Fragen des Rechts und der Migration bis zu Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation. Die im Gespräch angesprochenen Themen liegen deshalb an der Schnittstelle zwischen politischer Kultur und staatlicher Verantwortung. Sie lassen sich nicht auf einzelne Entscheidungen oder parteipolitische Positionen reduzieren.

Für eine demokratische Öffentlichkeit bleibt entscheidend, zwischen überprüfbaren Informationen, politischen Bewertungen und persönlichen Meinungen zu unterscheiden. Ein sachlicher Dialog verlangt zudem, dass auch unbequeme Fragen gestellt werden. Kultur, Medien und Politik können unterschiedliche Aufgaben haben, sind aber aufeinander angewiesen, wenn gesellschaftliche Debatten offen und nachvollziehbar bleiben sollen.

Demokratischer Zusammenhalt entsteht nicht durch Einigkeit in allen Fragen, sondern durch die Bereitschaft, Unterschiede friedlich auszutragen und gemeinsame Regeln zu achten.

Redaktioneller Hinweis: Die Darstellung verwendet keine wörtlichen Zitate. Aussagen über frühere öffentliche Funktionen und politische Schwerpunkte wurden zur Einordnung zusammengefasst.